Toleranz, Akzeptanz und Respekt

Jazzadeiros “Plädoyer gegen die Toleranz” spielt Respekt und Toleranz gegeneinander aus und kommt zu einer negativen Grundeinstellung gegen die Toleranz. Das liegt aber meiner Meinung nach an der wertfreien Anwendung des Begriffes.

Was heißt Toleranz nach dem Textbuch? Eine Handlung oder eine Eigenschaft, die sich von den eigenen Handlungen oder Eigenschaften unterscheidet zu dulden. Was man an Handlungen oder Eigenschaften anderer Menschen toleriert, ist nun mal aber von der eigenen ethischen Grundeinstellung abhängig. Ich z.B. bin intolerant gegenüber religiösen Fanatismus (in jeder Form), aber tolerant gegenüber Einwanderung. Eine Aussage wie “Ich bin gegen Intoleranz” ist demnach komplett bedeutungslos und so ist auch ein “Plädoyer gegen die Toleranz” – es fehlt der Kontext in dem diese beiden Wörter Bedeutung annehmen können, das persönliche Gut und Böse, das diesen Wörter leben einhaucht.

Was ist Akzeptanz? Akzeptanz geht über die bloße Duldung hinaus. Man kann etwas ablehnen oder es dulden oder zustimmen. Akzeptanz stellt diese Zustimmung da. Der Unterschied zwischen einem Nachbar der dem neuen ausländischen Nachbarn aus dem Weg geht (Duldung) oder ihn aktiv in die Hausgemeinschaft einbezieht (Zustimmung) ist der Unterschied zwischen Toleranz und Akzeptanz. Der Unterschied ist auch sehr wichtig. Akzeptanz ist nun mal seltener als Toleranz, weil es eine grössere Übereinstimmung mit dem eigenen Werten erfordert.

Wofür steht Respekt? Der Begriff ist ein bisschen flatterhaft. Er kann für simple Höflichkeit stehen. Oder, wie ich ihn gern sehe, als eine höhere Form der Akzeptanz. Wenn Akzeptanz Zustimmung bedeutet, dann ist Respekt Zustimmung plus die persönliche Rücksichtnahme. Toleranz und Akzeptanz sind passiv, erfordern keine aktive Handlung. Respekt bringt man aber entgegen, wenn man seine eigenen Handlungen ändert, um die ethischen Grundsätze des Anderen nicht zu verletzen.

Also nochmal: Toleranz, Akzeptanz und Respekt können an sich niemals negativ oder positiv sein, sonder sind allein von der persönlichen Ethik abhängig. Ob ich Sweatshops oder Bürokratentum toleriere oder nicht toleriere, spricht für meinen Charakter (ich toleriere beides nicht), und nicht für den Charakter der Toleranz.

This entry was posted in Mind Wash, Read Wash. Bookmark the permalink.

5 Responses to Toleranz, Akzeptanz und Respekt

  1. jazzadeiro says:

    Okay, du hast mich durchschaut. Natürlich geht es mir um die persönliche Ethik oder Moral oder Einstellung, die sich hinter den an sich leeren Hülsen wie Toleranz und Respekt verbirgt. Mir liegt viel daran, das bloße Dulden des Anderen dahingehend zu hinterfragen, ob man noch in den (konstruierten) Kategorien verschiedener “Gruppen” denkt, oder ob man es schafft, dieses Gruppendenken zu überwinden und wirklich die jeweiligen Interessen anschaut, die sich individuell oder strukturell gegenüberstehen. Mir geht es weniger um die Qualität der Akzeptanz (gerade so oder viel akzeptieren) als um die beim Begriff “tolerieren” meist implizit mitschwingenden Ansichten von “Normalität” und deren Abweichungen. Nichts gegen Normalität in meinem Alltag, nur wird Normalität eben oft als Scheinargument für oder gegen etwas verwendet (z. B. für die Aufrechterhaltung bürokratischer Regeln) – und das finde ich, sollte man nicht gelten lassen, sondern auch als Befürworter dieser Regeln schon so fair sein und mit den Interessen begründen, die auch wirklich dahinter stehen.

    (Sehr sehr schön übrigens, dich hier wieder bloggen zu sehen!!)

  2. Fox says:

    Da stimme ich dir voll und ganz zu – Toleranz ist als Ausrede völlig unbrauchbar und sie so zu verwenden ist schlechter Diskussionsstil. Genauso ist es mit der Normalität.

  3. fogel says:

    Und nun bitte noch eine Erklärung zu “Ignoranz” :-) Ich hoffe, meine Kommentar wird nicht tol.. äh ignoriert.

  4. Fox says:

    Ignoranz: Die willentliche Nicht-Akzeptanz von Dingen die Fox sagt ;)

  5. Hier eine kleine wissenschaftliche Aufarbeitung der Begriffe:
    »It’s not tolerance I’m asking for, it’s respect!” A conceptual framework to differentiate between tolerance, acceptance and (two types of) respect

    frei verfügbar zu finden unter:
    http://www.respectresearchgroup.org/respekt_1141___It_s_not_tolerance_I_m_asking_for__it_s_respect__.htm

    Hoffe, es gefällt und findet Zustimmung. Ansonsten sind Kommentare an meine Email immer willkommen.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>